Von virtuellen und echten Gefühlen
Es ist nichts Ungewöhnliches: Wenn man häufig im Web unterwegs ist, in Chats oder auf Dating-Plattformen flirtet, kommt irgendwann der Moment, an dem man für jemanden Gefühle entwickelt. Erst ist es nur ein kleines Kribbeln, dass sich beim Lesen des Namens einstellt. Irgendwann starten dann schon Jets im eigenen Bauch und die Folge davon ist, dass man sich irgendwann auch die Verliebtheit eingesteht. Kein Wunder, schließlich hat man im Internet die Möglichkeit, Menschen auf eine ganz andere Art und Weise kennen zu lernen. Zwar gibt es auch hier den üblichen Smalltalk am Anfang, aber ziemlich schnell geht man auf eine andere, tiefere Ebene über und lernt vieles von dem Gegenüber kennen, wofür man in der realen Welt Monate gebraucht hätte.
Es ist irgendwie die Mischung aus Anonymität und Nähe, die diese Gefühle möglich macht. Zum einen fühlt man sich hinter einem Nickname ziemlich sicher, gibt nicht zu viel über sich preis. Zum anderen ist man in den Gesprächen dem Gegenüber so nah, dass man schon fast denkt, man kennt sich ewig. Schnell werden Gemeinsamkeiten entdeckt, Probleme gewälzt und hier und da geht der Flirt auch etwas weiter und endet im Cybersex.
Im Kopf geht einem dann so einiges herum. Man macht sich ein Bild von dem anderen, hat eine ganz besondere Vorstellung und weiß einfach: Das ist die große Liebe! Nach Chats und E-Mails sind die Telefonate der nächste, logische Schritt. Stundenlang hört man die Stimme des/der Unbekannten, verliebt sich noch ein Stück mehr und ist sich sicher, dass nichts, aber auch wirklich nichts, dieser Liebe etwas anhaben kann. Schließlich kennt man sich, weiß fast alles vom Gegenüber und Äußerlichkeiten sind dabei dann eh nur noch nebensächlich.
Die starken Gefühle fordern dann den nächsten und letzten Schritt von der virtuellen Welt hinaus rein in die Realität. Ein Treffen wird vereinbart und schon Tage vorher kreisen die Gedanken nur noch darum. Man stellt sich vor, wie man sich in die Arme fällt, sofort vertraut ist und dort weitermacht, wo man im Chat aufgehört hat. Klar, das kommt vor - aber meist sieht es in der Realität ganz anders aus.
Der Traumprinz wird plötzlich zum Langweiler ohne Manieren und Ms. Right entpuppt sich als neurotische Frau, die nur noch von ihrem Ex erzählt und nur zu einer Beziehung bereit ist, wenn auch ihre Katze den Neuen mag. Die Enttäuschung ist dann groß. Wo ist nur die große Liebe geblieben, mit der man so viele schöne Stunden online verbracht hat?
Die Antwort ist ganz einfach: Liefern wir unserm Gehirn nicht genügend Informationen über einen Menschen, strickt es sich einfach selbst ein Bild zusammen und an dem halten wir fest. Klar, wir wissen viel von dem anderen - aber auch nur das, was er/sie uns erzählen möchte. Wir können nicht sehen, dass die Fingernägel dringend mal wieder gesäubert wären müssten und wir hören auch nicht das Schlürfen und Schmatzen beim Essen. Alles, was wir kennen, sind die tollen Eigenschaften, die online preis gegeben werden - und die, die einfach hinzu erfunden wurden.
Was kann man aber gegen solche Trugschlüsse tun? Eigentlich gibt es darauf nur eine Antwort: So schnell wie möglich ein Date vereinbaren und bis dahin immer wieder daran denken, dass das Internet ein verzerrtes Bild geben kann. Erst bei einem Treffen weiß man wirklich, wen man vor sich hat.
Andererseits, manchmal muss es auch gar nicht zum Treffen kommen. Schließlich macht es auch Spaß, so eine Liebschaft ohne Risiko zu genießen. Man kann sich gehen lassen, Träume ausleben und sein Selbstbewusstsein etwas aufpolieren. Doch das tut bitte nur, wenn ihr von vorn herein ehrlich seit und eurem Gegenüber nicht zu viele Hoffnungen auf ein Happy End in der Realität macht - ansonsten läuft es auch nur wieder auf gebrochene Herzen hinaus!
Schreib einen Kommentar!